Teil 1: Vom Tango zur Fuge
Paul Celans Todesfuge ist ein Werk der Holocaust-Literatur, das sich lyrisch mit der Shoah auseinandersetzt. Geboren wurde Celan unter dem Namen Paul Antschel, den er 1947 anagrammatisch in Celan änderte. Auf den ersten Blick wirkt die Behauptung schon beinahe rätselhaft. Die rumänische Form von Antschel lautet Ancel und löst das kleine Sprachrätsel auf: Aus Ancel wurde Celan.
Die genaue Entstehungszeit der Todesfuge ist in der Literatur umstritten. Mehrere Quellen verweisen auf die Zeit zwischen Sommer und Herbst 1944 in Czernowitz (damals Rumänien). Eine erste Veröffentlichung erfolgte im Mai 1947 in rumänischer Sprache, jedoch unter dem Titel „Tangoul morții“ (Todestango). Celan bezog sich hierbei auf die Musik, die während des Holocaust in Konzentrationslagern, so auch in Auschwitz, zum Takt der Hinrichtung gespielt wurde. Da Celan um die Ambiguität des Begriffes wusste, wie Zeilen des Gedichts belegen („er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz“), modifizierte er die Bezeichnung später in Todesfuge. Während der Tango etwas Körperliches, Tanzbares und Konkretes besitzt, ist die Fuge ein hochkomplexes mehrstimmiges Gefüge, das der klassischen Musik entstammt und sich durch Formstrenge, Wiederholungen und Variationen auszeichnet, deren Elemente auch sein Gedicht prägen. Die spätere Umbenennung in Todesfuge zeigt, dass musikalische Strukturen für Celans poetische Gestaltung von zentraler Bedeutung waren. Diese Bedeutung erschöpft sich jedoch nicht im Titel, wie wir später sehen werden. Letztlich verarbeitet er seine persönlichen Erlebnisse in sprachkritischer Weise und reflektiert die geschichtlichen Ereignisse insbesondere vor dem Hintergrund seiner im Holocaust ermordeten Eltern und seiner eigenen Erlebnisse im Zwangsarbeitslager in Rumänien. Celan sah die deutsche Sprache nach dem Holocaust durch die Propaganda der Nationalsozialisten kompromittiert. Im Dritten Reich war sie wiederholt zur ideologischen Manipulation und zur Verharmlosung und Verschleierung des Völkermords eingesetzt worden. Celan verfolgte mit der Todesfuge eine sprachliche Neuorientierung, um die nationalsozialistisch geprägte Sprache einer Überprüfung auf Notwendigkeit und Wahrheit zu unterziehen.
Die Todesfuge wurde 1948 in deutscher Sprache in dem Gedichtband ‚Der Sand aus den Urnen‘ veröffentlicht.
Im nächsten Teil folgen Gedanken zur „Schwarzen Milch der Frühe“ und zu der Frage, warum dieses Oxymoron bis heute verstörend wirkt.